Barnes, Julian by Flauberts Papagei

Barnes, Julian by Flauberts Papagei

Author:Flauberts Papagei
Format: epub


Oh, und dann habe ich noch den Käse. Einen Brillat-Savarin. Der Bursche hinter mir hat auch einen. Ich habe ihm gesagt, beim Zoll muss man immer den Käse angeben. Lächeln: Cheese.

Hoffentlich glauben Sie jetzt nicht, ich mache hier einen auf rätselhaft. Wenn ich Sie irritiere, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass ich verlegen bin; wie gesagt, ich mag das Vollporträt nicht. Aber ich versuche wirklich, es Ihnen einfacher zu machen. Rätselhaftigkeit ist leicht; Klarheit ist am allerschwersten. Keine Melodie zu schreiben ist einfacher, als eine zu schreiben. Nicht zu reimen ist einfacher, als zu reimen. Das soll nicht etwa heißen, Kunst müsse so klar sein wie die Anweisungen auf einem Samentütchen; ich sage nur, dass man zu dem Verrätseler mehr Vertrauen hat, wenn man weiß, dass er absichtlich nicht leicht verständlich sein will. Man hat zu Picasso jede Menge Vertrauen, weil er zeichnen konnte wie Ingres.

Was hilft uns denn? Was müssen wir wissen? Nicht alles. Alles verwirrt nur. Direktheit verwirrt auch. Das Vollporträt, das einen anstarrt, hypnotisiert. Auf seinen Porträts und Fotos schaut Flaubert normalerweise weg. Er schaut weg, damit Sie seinen Blick nicht erhaschen können; und er schaut auch weg, weil das, was er über Ihre Schulter hinweg sehen kann, interessanter ist als Ihre Schulter.

Direktheit verwirrt. Meinen Namen habe ich Ihnen gesagt: Geoffrey Braithwaite. War das eine Hilfe? Eine kleine; das ist zumindest besser als »B« oder »G« oder »der Mann« oder »der Käseliebhaber«. Und wenn Sie mich nicht gesehen hätten, was hätten Sie dann aus dem Namen geschlossen? Mittelstandsangehöriger mit höherer Berufsausbildung, eventuell Rechtsanwalt; Bewohner einer Fichten-und-Heide-Gegend; Pfeffer-und-Salz-Tweed-Anzüge; ein Schnurrbart, der – vielleicht fälschlicherweise – auf eine militärische Vergangenheit hindeutet; eine vernünftige Frau; an Wochenenden vielleicht ein bisschen Schippern; eher Gin- als Whiskytrinker; und so weiter?

Ich bin – war – Arzt, erste Generation im höheren Berufsstand; wie Sie sehen, kein Schnurrbart, obwohl ich natürlich die militärische Vergangenheit habe, die für Männer meines Alters unvermeidlich war; ich lebe in Essex, der untypischsten und deshalb akzeptabelsten der Grafschaften um London; Whisky, nicht Gin; überhaupt kein Tweed; und kein Schippern. Nahe dran, aber doch nicht nahe genug, sehen Sie. Was meine Frau angeht, die war nicht vernünftig. Das wäre so ziemlich das letzte Wort, das sich auf sie anwenden ließe. Man spritzt Weichkäse wie gesagt, damit er nicht zu rasch reif wird. Aber reif wird er immer; das liegt in seiner Natur. Weichkäse fällt zusammen; Hartkäse wird noch härter. Beide Sorten schimmeln.

Eigentlich wollte ich ein Foto von mir vorne im Buch haben. Nicht aus Eitelkeit; nur als Hilfe. Aber es war leider ein ziemlich altes Foto, aufgenommen vor etwa zehn Jahren. Ein neueres habe ich nicht. So geht’s einem: Ab einem gewissen Alter hören die Leute auf, einen zu fotografieren. Vielmehr, sie fotografieren einen nur bei formellen Anlässen: Geburtstagen, Hochzeiten, Weihnachten. Ein fideler Mensch mit gerötetem Gesicht erhebt inmitten von Freunden und Verwandten sein Glas – wie echt, wie zuverlässig ist so was als Beweisstück? Was hätten die Fotos von meiner Silberhochzeit enthüllt? Die Wahrheit gewiss nicht; drum schadet es vielleicht auch nichts, dass sie gar nie gemacht wurden.



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